Warum ich kein Deutsch mehr unterrichten möchte
Nicht, weil ein Deutschkurs oder Deutschunterricht falsch ist. Sondern weil er für das reale Leben – und vor allem für das Sprechen im (Berufs-)Alltag – oft nicht reicht.
Eine persönliche Reflexion darüber, warum ich aufgehört habe, Deutsch zu unterrichten und nicht mehr unterrichten möchte – und heute mit Sprache, Wirkung und Klarheit arbeite.
Als Unterrichten für mich nicht mehr passte
Aufgrund des Kriegs in der Ukraine wurden Lehrkräfte auch ohne Lehramtsstudium für sogenannte Vorbereitungsklassen – also für geflüchtete Jugendliche – gesucht. Eine davon wurde ich.
Hurra – ich wurde Lehrerin.
Doch der klassische Unterricht hat mir keine Freude gemacht. Und ja – ich konnte ihn im klassischen Sinne auch nicht.
Ich habe kein Lehramt studiert. Und ja – ich bin immer wieder an meine Grenzen gestoßen. Nicht nur aus strukturellen Gründen, sondern aus einer Mischung verschiedener Faktoren.
Im ersten Jahr trug mich eine starke innere Aktivierung: Hyperfokus, hohe Präsenz, viel Energie. Gleichzeitig fehlten mir die methodischen und strukturellen Werkzeuge eines klassischen Lehramts. Ich habe zu viel improvisiert, zu viel getragen, zu viel ausgeglichen.
Hinzu kamen die wachsende Demotivation vieler Schüler:innen, ihre biografischen Belastungen und Traumata sowie ein schulischer Rahmen, der – insbesondere am Gymnasium – weder für sie noch für mich ein emotional passender Ort war.
Was ich hingegen konnte – und was ich sehr genossen habe – war zu improvisieren.
Lange habe ich sehr intuitiv gearbeitet, stark über Beziehung, Nähe und spontane Anpassung an die Bedürfnisse der Schüler:innen.
Ich habe für mich erkannt, dass mir das Improvisieren so viel Spaß gemacht hat und so gut es mir lange gelegen ist, es auf Dauer keine tragfähige Lösung war. Das ständige Improvisieren hat mich auch sehr müde gemacht und zunehmend ausgelaugt. Vieles habe ich intuitiv übernommen und dabei meine eigenen Grenzen überschritten.
Ich dachte lange, ich sei eine Art Motivationscoach – und vielleicht war ich das auch zeitweise. Aber nicht bewusst, sondern aus einem inneren Impuls heraus. Rückmeldungen meiner Kolleg:innen am Gymnasium haben mir das gespiegelt: Ich war Psychologin, Erzieherin, Motivationscoach, ein offenes Ohr, oft ein Ersatz für viele andere Rollen – aber am wenigsten wahrscheinlich die Lehrerin. Diese Erkenntnis war wichtig, weil sie mir gezeigt hat, dass Engagement ohne klare Rolle und Struktur langfristig einen hohen Preis hat.

Jeder Tag war anders. Die Stimmung wechselte. Die Motivation der Jugendlichen auch.
In den ersten Schulwochen war sie hoch, mit der Zeit sank sie – bis zu den Ferien.
Im ersten Jahr war ich voller Energie. Ich hatte viele Ideen, viel Antrieb, viel Kraft. Ich konnte einiges umsetzen.
Doch die wachsende Demotivation der Schüler:innen hat auch mich beeinflusst. Mit der Zeit wurde meine eigene Energie weniger.
In diesen zwei Jahren habe ich immer wieder meine eigenen Vorgehensweisen eingebaut.
Niemand hat sie kontrolliert. Und trotzdem – oder gerade deshalb – waren sie menschlich, pädagogisch sinnvoll und für mich stimmig.
Ich habe versucht, weniger zu erklären und mehr sprechen zu lassen.
Ich habe den Jugendlichen Zeit gegeben, auf Deutsch zu denken, zu formulieren, zu stocken und weiterzusprechen.
Diese Momente haben mir Freude gemacht. Sie haben mir gezeigt, was möglich ist, wenn Sprache nicht unterrichtet, sondern benutzt wird.
Und trotzdem habe ich in dieser Zeit auch etwas anderes erlebt:
Ich habe meine Stimme immer wieder verloren. Ich habe an meiner Rolle als „Pseudo-Lehrerin“ gezweifelt.
Und ich habe gemerkt: So möchte ich nicht mehr arbeiten.
Eine bewusste Grenze
Ich möchte das klar sagen: Selbst wenn ich heute ein Angebot bekäme, weiter Deutsch zu unterrichten – auch unter besseren Bedingungen – würde ich ablehnen.
Nicht aus Trotz. Sondern aus Klarheit.
Was das mit dem System zu tun hat
Das hat mit dem System zu tun. Mit der alten Schule des Lehrens.
Mit einem Verständnis von Unterricht, in dem die Lehrperson erklärt, steuert, korrigiert und die Verantwortung trägt – für Inhalte, für Fortschritt, für „richtig“ und „falsch“.
In diesem System ist wenig Platz für Denken. Wenig Raum für Sprechen ohne sofortige Bewertung.
Vor allem aber gibt es dort kaum Raum für meine Art zu arbeiten.
Ich habe mich angepasst. Ich habe funktioniert. Ich habe geliefert.
Und genau dabei ist meine Stimme leiser geworden. Nicht nur sprachlich – sondern innerlich.

Was ich im Unterricht mit Jugendlichen gesehen habe
Ich habe Jugendliche „unterrichtet“. Viele von ihnen mussten in den Unterricht, weil das System es so vorsieht, wenn junge Menschen nach Deutschland kommen.
Ich habe diese Realität respektiert und versucht, innerhalb dieses Rahmens so viel Raum wie möglich zu schaffen.
Genau dort habe ich meine wichtigste Erfahrung gemacht.
Der klassische Unterricht ist darauf ausgelegt, Inhalte zu vermitteln. Doch das, was diese Jugendlichen gebraucht hätten, war Orientierung, Sicherheit und Sprache als Mittel zur Teilhabe – nicht als Prüfungsfach.
Ich habe selbst erlebt, wie viel Energie darauf verwendet wird, zu funktionieren, mitzuhalten, richtig zu sein.
Und wie wenig Raum bleibt für echtes Sprechen, für Fragen, für Denken in der neuen Sprache.
Für mich wurde klar: Dieses System ist nicht böse.
Und ich werde es nicht so schnell ändern können.
Ich möchte nicht mehr in einer Rolle arbeiten, in der Sprache bewertet wird, bevor sie überhaupt wirken darf.
Eine wichtige Einordnung
Die Wahrheit ist: Ich konnte keinen klassischen Unterricht geben.
Aber das war in diesem Kontext auch nicht die Erwartung.
In Vorbereitungsklassen und Deutschkursen geht es nicht darum, perfekte Unterrichtsstunden zu inszenieren.
Sie folgen klaren Rahmenbedingungen, wie sie etwa vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) definiert werden.
Es geht darum, Orientierung zu geben, Übergänge zu ermöglichen und Sprache nutzbar zu machen – oft unter Bedingungen, die alles andere als ideal sind.
Genau dort habe ich gemerkt:
Meine Stärke liegt nicht im Reproduzieren eines Systems, sondern im Arbeiten im Raum dazwischen.
Zwischen Wissen und Anwendung. Zwischen Unsicherheit und Ausdruck. Zwischen Sprache und Wirkung.

Was das für meine Arbeit mit Erwachsenen verändert hat
Was ich in der Schule erlebt habe, hat meine Arbeit mit Erwachsenen grundlegend verändert.
Denn die Muster sind dieselben – nur die Konsequenzen sind andere.
Auch Erwachsene kommen mit Erfahrung, Kompetenz und Verantwortung. Und auch sie landen oft in einem System, das Sprache auf Richtigkeit reduziert.
Sie funktionieren. Sie passen sich an. Sie sprechen vorsichtiger, als sie denken.
Im Berufsalltag kostet das etwas: Klarheit. Präsenz. Entscheidungskraft.
Genau hier habe ich aufgehört zu unterrichten und angefangen, mit Sprache zu arbeiten.
Freiheit als Wert – und warum das Angestelltenverhältnis für mich nicht passt
Es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt.
Ein zentraler Wert für mich ist Freiheit. Und damit meine ich nicht nur Zeit, sondern Selbstständigkeit im Denken, im Arbeiten und in der Verantwortung.
Diese Form von Freiheit kann ich in einem Angestelltenverhältnis auf Dauer nicht erreichen.
Ja, die Schule bietet viel: Struktur, Sicherheit, klare Rahmenbedingungen. Und auch Zeit – alle sechs Wochen Ferien.
Aber langfristig reicht mir das nicht.
Freiheit bedeutet für mich nicht, regelmäßig Pause zu machen, sondern selbst zu entscheiden, wie ich arbeite, mit wem ich arbeite und wofür ich meine Energie einsetze.
In einem System zu arbeiten, das vorgibt, wie Sprache vermittelt werden soll, während ich innerlich spüre, dass ich anders arbeiten möchte, hat mich eingeengt.
Abschluss
Ich beende den klassischen Unterricht – mit Dankbarkeit.
Ohne diese Erfahrung wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.
Die Zeit als Lehrerin hat mir ermöglicht, Schule von innen kennenzulernen – auch das Gymnasium. Und genau dort wurde mir klar: Dieser Ort ist nicht meiner.
Ich habe viele Learnings mitgenommen. Vor allem eines: Ich möchte nicht fünf Stunden täglich vorgegebenen Stoff unterrichten. Ich möchte eine eigene Art entwickeln, mit Sprache zu arbeiten.
Ich bin überzeugt vom Sprachcoaching-Prozess. Und ich brenne für das, was Sprache im Kern ausmacht: Konversation. Gespräch. Sprechen.
Mehr dazu folgt in einem weiteren Blogartikel.
Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, diesen Text zu lesen.
Justyna